Freitag, Dezember 22, 2006

Ein Jahr geübt

Schon vor einem Monat wollte ich darüber schreiben, aber dann war NaNoWriMo und jetzt bin ich über einen Monat zu spät. Ich weiß, dass ich mich permanent darüber beklage, dass ich zu wenig Musik mache. Und man kann es regelrecht sehen. Jedes Mal, wenn irgend etwas ist, ist das erste, was den Bach runtergeht mein ausreichender Schlaf und dann spiele ich zu wenig. Aber heute möchte ich mich auf etwas anderes konzentrieren. Letztes Jahr am 9. November habe ich ein Übe-Tagebuch angefangen. Davor hatte ich zum ersten Mal seit ewigen Zeiten wieder Klavierunterricht. Obwohl ich selber unterrichte, hatte ich insgesamt nur etwa sechs Jahre Unterricht. Ich bin dann einfach deswegen besser geworden, weil ich nie wirklich aufgehört habe, zu spielen. (Es ist verrückt, aber meinem Mann geht es ähnlich. Wenn man ein Teenager ist, gibt es viele, die besser spielen als man selbst, dann bekommen sie einen Job, sie bekommen Kinder und hören auf, zu spielen. Wenn man dann langsam ins mittlere Alter kommt, ist man auf einmal besser als sie.)

Zurück zu meinem Übe-Tagebuch. Ich habe ein paar Stunden bei einer fantastischen Jazz-Pinistin genommen, weil ich lernen wollte, mich selber und meine Schüler besser zu begleiten. Und mir war auf einmal klar geworden, dass meine Musik auf starkem Gesang beruhte, dem eine schwache Klavierbegleitung folgte. Also wollte ich lernen, besser Klavier zu spielen. Davor hatte ich Jahre damit verbracht, nach dem richtigen Jazz-Pianisten zu suchen. Ohne Erfolg. Und dann merkte ich, dass ich schon einen im Haus hatte. Es wäre mir lieber, sie spielte besser, aber wenigstens spielt sie, wann immer ich möchte.

Also nahm ich Klavierstunden und begann jede Stunde mit dem traditionellen Ausruf des erwachsenen Schülers: "Ich fühle mich so schlecht, weil ich seit letztem Mal nicht geübt habe." Als Lehrerin kenne ich das auch von der anderen Seite. Jede Frau mit Kindern, die ich je unterrichtet habe, hatte das Gefühl, sie übt nicht genug. Sogar wenn sie genug übt. Schuldgefühle. Ich glaube, das ist ein Mutterding.

Nach ein paar Monaten entschied ich mich, mit dem Unterricht aufzuhören und endlich das anzuwenden, was ich gelernt hatte. Ich öffnete ein neues Notizbuch und nach ein paar einleitenden Sätzen schrieb ich auf, dass ich endlich üben wollte und ernsthaft Musik machen. Ich wollte nicht immer weiter nur etwa zwei Mal pro Woche ein paar Stücke durchspielen, ich wollte an meinen pianistischen Fähigkeiten arbeiten oder eher an meinen musikalischen Fähigkeiten. Wie immer machte ich einen Plan und eine Liste. Ich schrieb meine Ziele auf.


Ich möchte die Musik machen, die nur ich machen kann.

Dafür möchte ich meine Technik so verbessern, dass ich nicht mehr über das "Wie" nachdenken muss.

Ich möchte die Musik in meinem Kopf spielen können.

Ich möchte mich in der Musik zuhause fühlen.

Die Basis für meine Musik soll Gesang und Klavier sein.

Ich möchte eine bessere Pianistin werden.

Und dann machte ich einen Plan, was ich tun musste, um diese Ziele zu erreichen. Regelmäßig improvisieren, Songs raushören und so weiter. Ich schrieb, dass ich dienstags und donnerstags üben würde, wenn mein Sohn in der Spielgruppe wäre, mindestens zwei Mal pro Woche würde ich morgens mit meinem Sohn im Zimmer üben und am Wochenende ein Mal. Und dann fing ich gleich an.

Jedes Mal, wenn ich spielte schrieb ich auf, was, wann, wie ich mich dabei fühlte und was ich als nächstes tun wollte. Außerdem gab ich mir am Anfang Sticker für jedes Üben. Und die klebte ich auf den Kalender in meinem Zimmer, wo sie alle Schüler sehen konnten. Und ich erzählte ihnen, was die Sticker bedeuten. Das war sehr motivierend! Stellt euch vor, ihr seid Klavierlehrerin und müsst euren Schülern erzählen, dass ihr nicht geübt hat. Das musste ich glücklicherweise kein einziges Mal.

Die ganze Zeit über war ich natürlich mit dem, was ich erreicht hatte, - unzufrieden. Es schien nie genug. Und das ist es irgendwie auch nicht, aber irgendwie ist das bei Kunst immer so. Selbst, wenn ich jeden wachen Moment mit meiner Musik verbringen würde, wäre es nicht genug. Und das war es, was ich allen die ganze Zeit erzählt habe: "Ich spiele nicht genug, ich schreibe keine Songs."

Aber wenn ich meine eigene Schülerin wäre, wäre ich ganz stolz auf mich. Musik zu machen ist mir wieder zur Gewohnheit geworden. Nur sehr selten vergehen mehr als zwei Tage ohne einen Eintrag in mein Übe-Tagebuch. Und man darf nicht vergessen, dass ich auch wenn ich nicht "übe", an jedem Werktag spiele, weil ich unterrichte. Wenn ich Gesang oder Gitarre unterrichte, spiele ich die ganze Zeit. Wenn ich Klavier unterrichte, dann sitze ich oft daneben und höre lange Zeit zu, aber auch dann spiele ich alle halbe Stunde für etwa zehn Minuten.

Und mein Spiel hat sich verändert. Ich fühle mich eher wie eine Pianistin. Mein Ton hat sich verändert. Er klingt besser. Als ich vor einem Jahr damit anfing, war ich verzweifelt, weil mein Klavier so schlecht ist. Und wenn ich 10.000 € hätte, würde ich sofort ein neues kaufen, aber ich bin wegen des Klangs meines Klaviers nicht mehr verzweifelt. Denn jetzt kann ich es dazu bringen, besser zu klingen als vorher.

Im letzten Jahr habe ich mich also verbessert. Wo ich vorher etwa zwei Mal pro Woche ein bis zwei Stücke gespielt habe, habe ich jetzt richtige Übe-Sessions mit Improvisation, Tonleitern und Konzentration etwa drei bis fünf Mal pro Woche. Manchmal öfter. Das ist gut. Ich muss nicht einmal mehr Sticker dort aufkleben, wo meine Schüler sie sehen können. Und durch das Gitarrespielen habe ich auch noch einen Weg gefunden, meine Musik mitnehmen zu können.

Also ist mein nächstes Ziel, noch mehr zu tun und nicht nur zu Improvisieren, sondern auch wieder Songs zu schreiben.

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