Sonntag, Mai 14, 2006

Muttertag

Dem Muttertag stehe ich zwiespältig gegenüber. Das ist bei mir nichts ungewöhnliches, der Zwiespalt scheint eingebaut. Wie alle Kinder habe auch ich in Kindergarten und Schule brav kleine Muttertagsgeschenke gebastelt, versucht, meiner Mutter das Frühstück ans Bett zu bringen und ehrlich dankbar für das zu sein, was sie für mich tut. Das mit der Dankbarkeit haut nur teilweise hin. Ich dachte mir insgeheim schon immer, dass ich das Gleiche an ihrer Stelle auch tun würde und hatte nie das Gefühl, sie hätte sich so besonders für mich aufgeopfert.

Der Zwiespalt hätte verschwinden können, als ich mit etwa zwölf Jahren Feministin wurde und beschloß, den Muttertag nicht mehr zu feiern, weil er reaktionär ist, eine Erfindung der Blumengeschäfte und weil ihn Hitler in Deutschland so populär gemacht hat. Seitdem bekommt meine Mutter von mir zum Muttertag ein "Ich finde den Muttertag reaktionär und kommerziell, aber ich gratuliere dir jetzt trotzdem.". Das vereinfacht die Geschenkfrage natürlich enorm.

Viele Frauen berichten, dass sie das, was ihre Mütter für sie getan haben, erst zu schätzen wissen, wenn sie selber Kinder haben. Bei mir hat sich leider nur bestätigt, dass ich genau dasselbe für mein Kind tun würde wie meine Mutter für mich. Vielleicht sogar mehr. Ich habe im Gegensatz zu meiner Mutter aber auch den großen Vorteil, dass ich weiter berufstätig sein darf und einen Mann habe, der auch sehr viel für sein Kind tut. (Ein Grund, dieses Jahr auch über den Vatertag nachzudenken, den ich immer für völlig blödsinnig gehalten habe.)

Das wirklich eigenartige an der ganzen Muttertags-Sache ist aber, dass es mir sehr, sehr wichtig ist, dass mein Sohn mir zum Muttertag etwas schenkt. Das erste Anzeichen war, dass ich insgeheim beleidigt war, dass mein Mann mir keine Blumen zu meinem ersten Muttertag geschenkt hat. Nicht, dass ich finde, er müsse mir Blumen zum Muttertag schenken, ich bin ja schließlich nicht seine Mutter, aber so stellvertretend für unseren Sohn... Ich habe mir dann also selber Blumen gekauft. Und war ziemlich peinlich berührt, dass ich so beleidigt war. Beim nächsten Muttertag sind wir zu dritt in den Blumenladen, um für meine Schwiegermutter Blumen zu kaufen, und ich habe mir gleich eine Rose einpacken lassen. Mein Mann und ich diskutierten auf dem Heimweg über meine zwiespältigen Gefühle.

Seitdem läuft es besser, denn jetzt ist das Kind ja im Kindergarten und davor war es in der Spielgruppe. In der Spielgruppe wurden kleine Pappblumen gebastelt und die Kinder erhielten eine Karte mit einem Gedicht. Als ich das gelesen habe, habe ich tatsächlich geheult! Außerdem ging mein Mann in dem Jahr ohne mich Blumen für seine Mutter kaufen und schickte dann den Kleinen mit einer Topfblume zu mir. (Schnief! Soooo süüüüß!) Dieses Jahr habe ich mein Muttertagsgeschenk schon am Freitag bekommen. Echt selbstgebastelt. Mit einem fast erkennbaren Löwenzahn. Ich platze vor Stolz. In der Karte steht, was mein Sohn an mir besonders mag: Spazierengehen. Das kommt davon, wenn man das Kind immer zum Walken mitschleift.

Heute habe ich meine Mutter angerufen, um ihr zum Muttertag zu gratulieren, aber sie hat mir zuerst gratuliert. Hm. Manchmal überlege ich, ihr doch Blumen zu schicken.

Eine Sache, die ich inzwischen besser nachvollziehen kann, gibt es doch. Meine Mutter erzählt immer mal wieder die Geschichte meiner Geburt. Sie war ziemlich dramatisch, ich kam sechs Wochen zu früh, meine Mutter war ganz alleine in der Wohnung, ohne Telefon und wußte nicht so recht, was passiert. Ich bin auf dem Weg ins Krankenhaus im Krankenwagen zur Welt gekommen. Danach kam ich sofort ins Wärmebett in ein völlig anderes Krankenhaus als sie. Das war Ende der sechziger Jahre. Zu der Zeit hatten Eltern keinen Zutritt zur Säuglingsstation. Wie schrecklich es für sie gewesen sein muss, ihr kleines frühgeborenes Baby nur durch eine Scheibe sehen zu dürfen, das habe ich tatsächlich erst verstanden, als ich im Krankenhaus nicht schlafen konnte, weil ich mein Kind ein paar Stunden an die Säuglingsschwestern abgegeben hatte. Und für sie ging es nicht um ein paar Stunden, sondern um mehrere Wochen.

Das war es also, was sie gemeint hat, wenn sie gesagt hat: "Wenn es deine eigenen Kinder sind, ist das etwas ganz anderes.". Sie meinte dieses überwältigende und riesige Gefühl, Liebe, die größer ist als das eigene Leben. Und es ist ziemlich unfassbar, das für jemanden zu empfinden, aber völlig unvorstellbar, dass jemand so für einen empfindet. Aber trotzdem wahr.

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