Montag, April 24, 2006

Performance Angst

Ich wollte heute eigentlich über eine Million Dinge schreiben: Wutanfälle, Schuldgefühle bei Müttern, Nicht-Diät, alles Mögliche, aber - ich habe heute einen Anruf von einer Tänzerin-Sängerin-Schauspielerin bekommen und deswegen haben ich morgen eine Art "Vorsingen".

Sie gehört zu einer Performance-Gruppe. Die besteht aus Tänzerinnen, die improvisieren und singen. Sie hatte mir schon letztes Jahr davon erzählt, als wir uns bei einem Gesangsworkshop zum Thema Improvisation getroffen haben. Damals dachte ich: "Eine Gruppe? Ich in einer Gruppe, bist du verrückt? Ich in einer Gruppe mit Tänzerinnen?" Ich wollte nur meinen eigenen Kram machen.

Ich möchte immer noch meine eigene Musik machen, aber ich habe im letzten Jahr öfter übers Auftreten nachgedacht. Ich hatte damit irgendwann 1999 oder 2000 aufgehört. Natürlich nicht komplett, wir haben ein Paar Geburtstagsfeste und so etwas gemacht, wenn uns jemand darum gebeten hat. Aber es machte nur mäßig Spaß. Also steckten wir (das heißt, mein Mann und ich) unsere Energie lieber in unsere CDs. Und später in das Kind.

Und das hat sich ganz richtig angefühlt, bis ich bemerkt habe, dass ich ein bisschen übereifrig darin bin, auf Parties zu singen und an Jam Sessions teilzunehmen. Und weil ich beschlossen habe, an den Dingen, die für mich schwierig sind, zu arbeiten, habe ich sogar darüber nachgedacht, Schauspielunterricht zu nehmen. Ich habe nämlich mit dem Auftreten ein kleines Problem:

Ich kann vor Leuten singen - kein Problem.
Ich kann vor einem größeren Publikum reden - kein Problem.
Ich kann sogar vor Leuten tanzen - kein Problem.
Aber ich kann nicht zwei dieser Dinge gleichzeitig tun. Schon gar nicht alle drei.

Wenn ich mit einer Band singe, habe ich kein Problem mit dem Singen, ich kann aber nicht mit dem Publikum reden. Ich singe wie verrückt, dann lächle ich und hauche ein leises "Danke schön." und dann - lächle ich. Ich schaffe es sogar, die traditionelle Jazzer-Ansage "Das letzte Stück war blablabla, und das nächste Stück ist blablabla." zu verhunzen.

Ihr müsst verstehen, dass das Problem nicht im Reden liegt. Ich habe schon auf einer Konferenz vor Hunderten von Leuten referiert. Mit Mikro. Klar, verständlich, und es wurde auch gut aufgenommen (so lange, bis mich jemand aus der Publikation der Kongress-Beiträge rausgemobbt hat). Aber ich kann nicht reden, wenn ich die Sängerin bin.

Das Gleiche gilt für Singen und Bewegen. Ich war auf vielen Rhiannon-Workshops und da muss man ständig singen und sich dazu bewegen. Improvisiert. Beim Singen habe ich mit dem Improvisieren keinerlei Probleme. Beim Tanzen ist es etwas schwerer, aber möglich. Eine Bekannte hat aber mal gewitzelt, sobald ich anfinge zu singen, würde ich mich bewegen, als seien meine Füße am Boden festgenagelt.

Hm. Ich habe daran gearbeitet. In unserer nicht mehr existierenden Brazil Band habe ich versucht, gleichzeitig zu singen, Percussion zu spielen und Samba zu tanzen. Ich kann das sogar, aber die Percussion ist dann manchmal nicht so ganz in Time. Und irgendwie hat das nie den gleichen Eindruck gemacht wie eine Handvoll halbnackter brasilianischer Tänzerinnen.

Letzten Sommer war ich bei einem Performance-Workshop für Sänger. Ich dachte, da lerne ich, mich auf der Bühne zu präsentieren. Der Workshop war hervorragend. Ich fühle mich seitdem viel selbstbewusster, denn: a) Ich weiß jetzt, dass ich keine Anfängerin mehr bin. (Manche brauchen etwas länger, die Tatsache, dass ich Gesangslehrerin bin, hätte mir da schon weiter helfen können.) b) Ich soll gar nicht auf der Bühne rumsausen wie eine Hummel, weil ich scheinbar ein solarer Atemtyp bin.

Das ist eine von diesen esoterischen Theorien, die ich für kompletten Schwachsinn gehalten habe, aber dummerweise funktioniert sie. Ich habe eine Reihe Schüler, mit denen ich gar nicht weiterkam, bis ich rausfand, dass sie anders atmen als ich. Egal, ein solarer Typ sollte auf jeden Fall immer nur eine Sache auf einmal machen und fühlten sich am wohlsten in Ruhe. Also geht es mir auf der Bühne am besten, wenn ich einfach dastehe und singe. Ich stelle auch fest, dass viele Musiker locker damit durchkommen, keine oder nur wenige Ansagen zu machen. Hervorragend.

Aber seit ich das offizielle "Du musst dich auf der Bühne gar nicht bewegen oder irgendwas anderes machen als singen"-Abzeichen habe, habe ich irgendwie auch die Freiheit gewonnen, dieses Gleichzeitg-Bewegen-und-Singen-Ding auszuloten. Und deswegen bin ich unterwegs, um mit einer Gruppe improvisierender Tänzerinnen zu proben.

Was ist also das Wichtigste für morgen?

Richtig, ich muss meine Zehennägel lackieren. Und mir einen Babysitter organisieren. Und mir selbst eine Gesangsstunde geben und ein bisschen improvisieren. Und hysterisch werden. Und rausfinden, wie ich da hinkomme. Aber zuerst der Nagellack.

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