Montag, Mai 08, 2006

Mit Babys reden

Ich weiß nicht, ob ihr es auch bemerkt habt - Leute reden nicht mit Babys oder Kleinkindern.

Also, die meisten nicht, aber ich schon. Ich wurde gestern wieder daran erinnert, bei einem Familientreffen. Das Kleinkind (15 Monate) wollte Kekse. Die Kekse standen direkt vor ihm. Seine Mutter sagt: "Keine Kekse!" zu dem Erwachsenen, der das Kleinkind hält. (Sie ist eine von diesen "weder Zucker noch Weißmehl berühren die Lippen meines Babys"-Mütter.) Aber das Kleinkind wollte sie natürlich trotzdem. Ich schaue das Kind an und sage streng: "Weißt du, Kind, du kannst schreien so viel du willst, aber du bekommst trotzdem keine Kekse mehr. Tut mir leid, aber deine Mutter hat nein gesagt." Er hörte sofort auf zu schreien und schaute mich an wie: "Was war das jetzt?" und mir wurde klar, dass den ganzen Tag niemand mit ihm geredet hatte wie mit einem echten Menschen. Er wurde weggerissen, Dinge wurden aus seiner Reichweite entfernt, Leute haben über ihn geredet, aber er wurde kaum angesprochen und niemand hat ihm etwas erklärt.

Außer meiner Mutter und mir. Das ist kein Einzelfall, ich beobachte das ständig. Eine Freundin (keine enge Freundin) und ihr fünfzehn Monate alter Sohn waren bei uns. Das Kind war bei mir, die Mutter am anderen Ende des Gartens. Das Kind sagt: "Mamamamamamamam." Ich sage: "Er sagt Mama!" Mutter sagt: "Ach nein, er sagt das auch, wenn er hungrig ist." Na und? Er ist fünfzehn Monate alt. Mutter, Essen, Hunger, Müdigkeit, für ihn ist das alles verbunden. Aber diese Eltern geben ihren Kindern das Gefühl, die Kinder wären dumm. Dass ihre Wünsche und Gefühle nicht zählen.

Das macht mich richtig wütend. Okay, manchmal habe ich mich wie ein Idiot gefühlt, die ganze Zeit mit meinem Baby plappernd. Wir sind draußen, er ist im Kinderwagen und sagt "Da!" und zeigt mit dem Finger. Und ich: "Ja, das ist eine schöne Blume." Manchmal habe ich seine Laute imitiert, nur so zum Spaß. Und weil ich seinen Drang zu kommunizieren respektiere. Jetzt, wo er drei ist, spricht er wie ein Weltmeister. Riesen-Wortschatz, sehr artikuliert und ziemlich gute Grammatik. Ich weiß nicht, ob das von all dem Reden kommt, aber ich habe es nicht getan, um seine Sprachfähigkeiten zu pushen. Ich habe es getan, weil es mir natürlich vorkommt und weil ich Kinder als reale Menschen ansehe.

Ich glaube daran, dass sogar Babys mehr verstehen, als sie ausdrücken können. Was Moxie über Babys und Gebärdensprache schreibt, erscheint mir sehr sinnvoll. Ich glaube, dass es eine Person sehr verletzen kann (auch wenn sie erst ein paar Wochen alt ist), wenn man ihr sagt (nicht direkt natürlich): "Du bist dumm. Ich rede erst mit dir, wenn du erwachsen bist. Versuch', mir etwas zu zeigen, aber ich höre sowieso nicht zu."

Mir ist schon vorgeworfen worden, ich würde versuchen, meinen Sohn in ein asoziales Genie zu verwandeln. Von einer Person, die denkt, man könne zu intelligent sein. Ich glaube nicht, dass man "zu" intelligent sein kann. Ich glaube, Intelligenz kann auch nur bis zu einem bestimmten Punkt gefördert werden. Aber sie kann gedämpft werden. Genauso wie der Drang nach Kommunikation. (Übrigens ist die einzige Art, wie ich meinen Sohn "pushe", dass ich ihm zuhöre, wenn er redet und dass ich seine Fragen so gut beantworte, wie ich kann. Ich bin nicht die mit den Flash-Cards oder Japanisch für Embryos.)

Aber mit seinem Baby oder Kleinkind zu reden, scheint ein sehr eigenartiges Verhalten zu sein. Stellt euch meine Verzückung vor, als ich letztens auf einem Fest war und dort fast alle Leute mit ihren Babys redeten. So wie: "Ich weiß, du bist jetzt hungrig, du bekommst gleich deine Flasche. Schau, das Wasser kocht schon."

Ich weiß nicht, warum ich so viel Zeit mit Leuten verbringe, die mir das Gefühl geben, komisch und merkwürdig zu sein.

Oh, sie gehören zur Familie.

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