Montag, Januar 15, 2007

immer noch matt

(Gerade, wenn man denkt, man weiß nicht, wann man wieder bloggen kann, sagt eine Schülerin ab. Ich hoffe, dass es ihr bald wieder gut geht, aber für mich war das heute ein Geschenk.)

Ich fühle mich immer noch ein bisschen matt. Auch wenn ich hier nicht geschrieben habe, habe ich doch Zeit, nachzudenken. Ich ich mag den Satz: "Ich habe keine Zeit" sowieso nicht, weil er nicht stimmt. Ich habe in den letzten Tagen eine Menge gemacht, aber ich habe mich nicht hingesetzt und etwas geschrieben. Vielleicht ist das meine Strafe. ich war am Donnerstag bei einem Treffen meiner Schreiber-Gruppe und alle meinten: "Ich weiß einfach nicht, was ich in mein Blog schreiben soll." und ich musste gleich angeben: "Ideen zu haben ist für mich nie ein Problem. Sie weiter zu verfolgen allerdings schon." Also für alle, die noch ein Thema suchen, ich habe hier noch eine Warteschlange: Behinderungen, Schlaf, Übergänge, Life Coaching, aufopfernde Mütter. Wenn euch eines gefällt, könnt ihr gerne darüber schreiben.

Aber jetzt schreibe ich erstmal über das, was mich am meisten beschäftigt und das ist Depression. Vielleicht ist das auch ein "soziale Gerechtigkeits"-Thema. Es sollte auf jeden Fall eines sein. (Und ich weiß sowieso nie, wo die Grenze zwischen Persönlichem und Sozialem ist. Sie gehen permanent ineinander über.) Ich zögere nur, weil ich mich nicht direkt qualifiziert fühle, über Depression zu schreiben. Aber ich finde auch kein anderes Wort, um den zustand zu beschreiben, in dem ich mich befinde. Das ist so wie das Problem, dass ich hatte als ich herausfand, dass ich eine Essstörung hatte. Ich sah eine Talkshow, in der eine Gruppe "Fresssüchtiger" ihre Essgewohnheiten beschrieben. Sie beschrieben mein Essverhalten genau. Nur dass ich nicht 150 Kilo gewogen habe. Bus heute denken die meisten Leute, die mich schon lange kennen, dass ich ein Hypochonder bin, wenn ich mich als ehemalige Esssüchtige bezeichne.

Ich habe also leichtes bipolar extra-light. Whatever. Es gibt einen Teil von mir, der zur Zeit taub ist, der taub sein will, einen Teil der permanent in einer Ecke sitzt und die Arme um sich schlingt. Es fühlt sich an, als watete ich durch Schlamm und rollte einen schwere Stein einen Berg hoch, während ich einen Strudel in meinem Bauch habe. Ich bin versucht, den Strudel mit Essen zu füttern, vor allem mit Schokolade. Und ihn zu betäuben, indem ich auf den Computer oder Fernseher starre. Mein Engerie-Level ist sehr niedrig, ich schlafe schlecht, ich esse mehr als gewöhnlich, vor allem Süßes, ich bin schlecht gelaunt und wenn mein Mann mich auf etwas hinweist, das ich vergessen habe - und das passiert momentan sehr häufig - dann breche ich in Tränen aus.

Und dann gibt es den anderen Teil von mir, den achtsamen und aufmerksamen Teil und der ist ziemlich glücklich. Der neue bewusste Teil von mir, der den Sonnenschein liebt und weiterhin Sport macht und den Haushalt, den Teil von mir, der mit Freunden ausgeht und Witze macht und sich um sich und andere kümmert. Das ist merkwürdig. Ich habe die ganze Zeit das Gefühl, wenn ich mich nur in dieses Glücksgefühl ganz versenken könnte, würde der Wackerstein in meinem Bauch schmelzen. Wie er es irgendwann auch sicher tun wird, das tut er immer. Es ist ja nicht so, als wäre ich permanent depressiv.

Als ich noch alleine gelebt habe, habe ich mich in diesem Zustand einfach für krank erklärt. Ich bin ins Bett gegangen und tagelang nicht aufgestanden. Ich bin nur raus gegangen, um noch mehr Chips, Gummibärchen, Lakritz und Schokolade zu kaufen. Ich habe mich komplett zurück gezogen. Jetzt habe ich Familie und das ist nicht länger möglich. Darüber bin ich sehr glücklich, weil es mich noch schlechter fühle, wenn ich nichts tue. Ich fühle mich besser, wenn ich aus dem Haus gehe und in den Wald. Wenn ich richtiges Essen esse, hebt sich meine Stimmung ein bisschen.

In einem Kommentar zu meinem letzten Post hat Esereth geschrieben, dass es immer tiefere Gründe für Depressionen gibt und dass ich sie töten kann, wenn ich herausfinde, was sie bewirkt. Bis jetzt habe ich nur Auslöser gefunden: der Besuch bei meinen Eltern, zu wenig Schlaf, zu wenig Musik gemacht, zu viel drinnen gewesen, jeden Tag eine Predigt über das Ende der Welt anhören müssen (okay, das ist übertrieben). Und wer weiß, vielleicht gibt es auch einen Teil von mir, der diese Stimmung mag. Ich habe den Verdacht, dass ist der Gegenpart zu dem, der ein hochgradig stromlinienförmiges, effizientes, zielorientiertes Leben will. Die Hyper-Organisiererin in mir. Und Spaß habe ich auch nicht genug gehabt. Da gibt es die Stimme in mir, die mal die Stimme meiner Mutter war (und auch im wirklichen Leben immer mal wieder ist), die sagt: "Was denkst du denn, wer du bist?" Da ist die Tatsache, dass Winter ist und das Licht spärlich. Da ist die Tatsache, dass ich erschöpft und überwältigt bin. Und da ist die Tatsache, dass ich wochenlang im manischen Overdrive-Modus war, ohne es zu merken. Das ist normalerweise der Hauptfaktor.

Wenn es also einen tieferen Grund gibt, dann vielleicht den, dass ich in diesem Leben endlich lernen soll, beständiger zu sein. Ich bin darin gar nicht gut. Ich lebe lieber in Aus- und Zusammenbrüchen. Arbeite wochenlang wie verrückt und gehe dann ins Bett und tue für ein paar Wochen gar nichts. Bin entweder der Mittelpunkt der Party, glänze, lache, tanze, singe und erzähle witzige Geschichten oder bleibe zuhause und bin alleine. Ich kann das. Das habe ich oft genug gemacht. Das einzig Dumme daran ist, dass es mich weder glücklich noch zufrieden macht. Also muss ich den "langweiligen" Weg lernen. Den, bei dem jeder Tag so ist wie der davor. Wo man die ganze Zeit arbeiten kann, ohne sich auszupowern.

Ich habe eine Freundin, die mir erzählte, sie fühle sich auch leicht bipolar. Ich fragte sie: "Und was machst du dagegen?" Sie sagte, sie versuche einfach, die manischen Phasen zu genießen und sich in den depressiven so gut zu behandeln, wie sie könne. Für mich kann ich das nicht akzeptieren. Zum einen ist wirkliche bipolare Störung gefährlich, wenn sie nicht behandelt wird. Die Depressionen werden länger und tiefer und es gibt Leute, die suizidgefährdet werden. Ich glaube nicht, dass meine Stimmungsschwankungen mich für eine echte Störung qualifizieren. Ich bin sicher, wenn ich hiermit zu einem Arzt gehe, würde er sich kaputt lachen. (Und ich habe die Tests in meinem Buch über bipolare Störungen gemacht, danke.)

Aber es gibt nicht nur gesund und krank. Dazwischen gibt es Grauzonen. Mein erster Schritt ist es, zu akzeptieren, dass ich da etwas nicht kontrollieren kann. Keine Willenskraft kann mich dazu bringen, mich glücklicher zu fühlen. Wenn ich es ignoriere, kommt es zurück und zieht mir eins über. Wenn ich auch gleichzeitig überzeugt bin, dass man seine Emotionen wählen kann, bin ich noch nichts so weit, dass ich das konstant tun könnte. Und ich denke, mein Hauptproblem ist es, den Overdrive-Modus zu vermeiden. Also geht es darum: Wie kann man erkenne, ob man gerade leicht manisch ist oder nur extrem beschäftigt? Und wenn ich den Verdacht habe, dass ich im Overdrive bin, heißt das, ich sage alles ab? Wie die Weihnachtsfeier im Kindergarten? Den Besuch bei meinen Eltern, auf den sich meine Eltern und mein Sohn schon ewig gefreut haben? Weihnachten? NaNoWriMo? Und ich kann meinen Mann nicht bitten, mir zu helfen, weil er auch schon Erschöpfungs-Symptome zeigt.

Danke fürs Zuhören. Heute gehe ich rechtzeitig ins Bett. Versprochen.

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