Samstag, November 18, 2006

Warum entspannst du dich nicht ein bisschen?

Seitdem ich vor einiger Zeit über Freundschaft geschrieben habe, habe ich wieder intensiveren Kontakt zu meinen Freundinnen. Es ist erstaunlich. Und eine von ihnen habe ich sogar getroffen. Und wir haben uns unterhalten. Natürlich. Und dann sagte sie:

"Warum entspannst du dich nicht ein bisschen? Du musst ja nicht immer alles auf einmal machen."

Ich antwortete ihr, dass ich nicht locker lasse, weil ich mit meinem Leben nicht zufrieden bin. Oder mit mir. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Zum einen kenne ich mich. Ich lebe mit mir schon seit fast vierzig Jahren und einer Sache bin ich mir sicher: Entspannen ist für mich sehr einfach. Zu sagen: "Oh, ich war so fleißig, ich muss ja nicht immer alles richtig machen." Peng! Als nächstes bin ich wieder am gleichen Punkt wie zu Anfang. Zehn Kilo schwerer, chaotisches Haus, seit Wochen keine Musik gemacht. Und das wäre voll okay, wenn es mich nicht so unglücklich machen würde. Und dann ist da noch dies:

Mein ganzes Leben schon habe ich "viel Potenzial" gehabt. Ich war darauf richtig stolz. Klingt doch gut, oder? Aber dann ist es mir langsam gedämmert: Potenzial heißt gar nichts, wenn es immer potenziell bleibt. Wenn es nur potenziell bleibt, stirbt man irgendwann als Loser. Ich habe dafür ein großes Vorbild. Mein Vater ist ein intelligenter Mann mit großem Potenzial. Meine Mutter fand ihn so attraktiv, weil er voller sprühender Konversation war und weil sein ganzes Zimmer mit Zeichnungen gepflastert war. Er zeichnete. Tja, er hat das aufgegeben, als ich klein war und hat seitdem keinen Bleistift mehr angefasst. Weil er nicht "gut genug" war. Er hatte jede Menge Hobbys und Interessen und alles was er getan hat, war mit einem Buch in der Hand auf der Couch einzuschlafen. Ich sage nicht, das mein Vater ein Loser ist. Auf keinen Fall. Aber es ist immer traurig, wenn jemand nicht tut, was er sich am meisten wünscht.

Ein anderes Beispiel: Weil ich ja Musiklehrerin bin, passiert es mir häufig, dass ich auf Partys Leute treffe, die mir erzählen, wie gerne sie immer Klavier spielen lernen wollten. Meine automatische Antwort darauf ist immer: "Das kannst du noch immer." (Na ja, eigentlich sage ich: "Du bist ja noch nicht tot, du kannst es immer noch lernen." Aber das kommt irgendwie nicht so gut an.) Und sie haben Angst und sie tun es nicht und es bricht mir jedes Mal das Herz, zu sehen welche Sehnsucht dahinter steht.

Ich möchte nicht jemand werden, der sein Leben damit verbringt, die Dinge zu bereuen, die er verpasst hat. Ich will nicht aufwachen und denken: "Ich wollte immer einen Roman schreiben oder Songs, aber ich habe es nie getan. Und jetzt ist es zu spät."

Jep, das nennt man Midlife-Crisis. Und mir ist klar geworden, dass da nie genug Zeit oder Raum oder Geld sein wird. Das ich mich jetzt ändern muss und jetzt das tun muss, was ich will. Ich bin davon nicht besessen. Es ist voll okay, die Musik einen Monat zu vernachlässigen, um einen Roman zu schreiben. Aber nicht für ein Jahr. Und wie meine Lieblings-Klavierlehrerin er formuliert hat: "Du wirst es am Ende deines Lebens sicher nicht bereuen, nicht alle Folgen der Lindenstrasse gesehen zu haben."

Aber du wirst es bereuen, nicht deine Träume gelebt zu haben. Ganz sicher.

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