Dienstag, November 21, 2006

Ich und die Bloglesung

Am Sonntag war ich bei einer Bloglesung. Bei dieser Bloglesung, um genau zu sein. Als Teil des Publikums übrigens. Und mein Mann hat sich sogar mitschleifen lassen. Ich war allerdings etwas nervös, weil der Abend unter dem Motto "Weibergschichtn" stand.

In der englischen Ausgabe dieses Blogs habe ich an dieser Stelle erklärt, was eine Bloglesung ist. Eine Bloglesung bedeutet, dass man Teile seines Blogs laut vor Publikum vorliest. Es sieht so aus, als täten das nur Deutsche. Denn - wie die Kaltmamsell sagte - deutsche Blogger sind literarisch ambitioniert.

Kaltmamsell

Wir gingen dort also hin, zu zweit, unser Sohn in den fähigen Händen meiner Schwiegermutter. Die Lesung fand zu einer sehr vernünftigen Zeit statt, um 18 Uhr. Fantastisch für Leute, die gewöhnlich um halb sieben zu Abend essen und gegen elf ins Bett gehen. Und es fand in einem Hamburger-Lokal statt, alsoi konnten wir dort sogar zu Abend essen. Da das nicht die erste Bloglesung war, zu der ich ging (aber über die erste habe ich nie geschafft, etwas zu bloggen), war ich vorbereitet. Ich hatte meinen Fotoapparat mit und war richtig angezogen. Was, ihr denkt, es gibt bei Bloglesungen keine Kleiderordnung? Damit liegt ihr komplett daneben. Ich glaube allerdings, dass sich außer mir niemand dessen bewusst ist. Das sind nämlich die Zeiten, in denen mir immer klar wird, dass ich jetzt in einer Art Vorstadt wohne. Zur letzten Lesung trug ich meine neue rot und orange, gerüschte und geblümte Bluse mit einer selbst gestrickten orangen Seidenjacke mit Spitzen. Dazu Jeans und meine neuen Stiefel. Wow, habe ich vielleicht deplatziert ausgesehen! Nun gibt es sicher Leute, die denken, wenn man Etwas trägt, dass gleichzeitig orange und rot ist, dann sieht man immer deplatziert aus, aber ich versichere euch, ich sah her-vor-ragend aus. Aber alle anderen trugen Schwarz. Oder Grau, oder Beige (und das ist nicht einmal eine Farbe.) Vielleicht war sogar jemand mutig genug für einen himmelblauen Rollkragen-Pullover. Tja, ich lebe nicht mehr in der großen Stadt und ich gehöre nicht zu den Intellektuellen. (Das ist die Art, sich zu kleiden, den ich den "Germanistenlook" getauft habe. Architekten sieht man darin allerdings auch ziemlich häufig. Vor allem Schwarz, manchmal Braun, relativ konservativ immer mit einem kleinen Dreh und Brille. Ich kann da nur mit meinem Vorort-Hausfrau in Sportswear-Look kontern. Oder manchmal mit meinem "Ich bin eine Sängerin in wallenden Gewändern"-Look.)

Dieses Mal war ich also vorbereitet und habe schnell noch ein olivgrünes Jackett über gezogen, um mein rotes T-Shirt zu verbergen. Wieder trug ich meine Jeans und schwarzen Stiefel und meinen geliebten Wintermantel, weil er von Noa Noa und deswegen stilvoll ist, wenn auch rot. Ich war vorbereitet, ich kam nicht alleine, weil ich mich bei der ersten Bloglesung, zu der ich gegangen war, recht einsam gefühlt hatte. Die Anderen kamen zu zweit und zu dritt. Und redeten offensichtlich nicht mit Fremden. Ich fühlte mich genauso merkwürdig wie die beiden Goths, die an meinem Tisch gesessen hatten. Auf dem Weg zur Lesung sagte ich meinem Mann: "Ich bin sicher tierisch nervös und will Hallo sagen und dann traue ich mich nicht und bin traurig und gehe wieder nach Hause. Und das tat ich dann auch. Ich hatte am Tag vorher sogar überall kommentiert und erzählt, dass ich hingehe...

Würdet ihr das tun? Zu einem der A-Blogger gehen, ihre Hand schütteln und sagen: "Ich liebe Ihr Blog. Ich habe übrigens gestern bei Ihnen kommentiert. Ich habe auch ein Blog." Und dann hätte sie mich vermutlich angeschaut und gesagt: "Äh. Wie? Susanne? Äh. Hallo." Und wenn ich Glück gehabt hätte, dann hätte sie sich gedacht: "Oh. Die Mamabloggerin mit den Windeln. Wie armselig." Aber vielleicht auch nicht und jetzt werde ich es nie wissen, weil ich nur da gesessen habe (hinten! mein Mann sitzt nicht gerne vorne) und ein paar Fotos gemacht habe. (Ich muss erst um Erlaubnis fragen, bevor ich sie posten kann, weil die Bloggerinnen alle unter Pseudonym bloggen. Noch etwas, dass alle deutschen Blogger machen und ich nicht. (Oh, außer Martina Kink.))

Und jetzt mache ich schon wieder etwas falsch, indem ich über die Lesung blogge. Oder wie isarblogger geschrieben hat:
und glaub bloss nicht, dass ich jetzt hier einen längeren eintrag schreib, wer “großartig” war und wer “bezaubernd” ist und was man halt sonst so alles nach einer bloglesung schreibt. ich finde blogeinträge über bloglesungen nämlich ganz, ganz furchtbar. weil sie alle gleich klingen und sich nur durch namen und orte unterscheiden.
Also, Blogeinträge über Bloglesungen sind langweilig. Und tatsächlich waren alle "großartig" und "bezaubernd". Alle vier Bloggerinnen waren großartig, bezaubernd, gut aussehend und gut angezogen. (Vor allem schwarz, aber es gab ein rotes Kleid (Schock!) und ein Pepita-Rock.) Sie lasen gut, was gar nicht so einfach ist, sogar Miss M., die das vorher noch nie gemacht hatte und einen leichten Mangel an Mikrofontechnik zeigte. (Kleiner Tip: Bei dieser Art Mikrofon kann man durchaus ein wenig Abstand halten. Das hat den zusätzlichen Vorteil, dass man dann aufrecht stehen kann.) Es gab viele Menschen im Publikum, die sich offensichtlich gut unterhielten.

Oh, die Bloggerinnen (Jetzt wisst ihr, warum dieser Blog-Eintrag "Ich und die Bloglesung" heisst.): Es lasen: Frau Klugscheisser, Kaltmamsell, Martina Kink, and Miss M. Das Meiste, das vorgelesen wurde, war mir bereits bekannt, schließlich verfolge ich einige dieser Blogs schon seit längerem. Miss M. wir eine erfrischende Bereicherung meiner Feed-Liste darstellen. (Nicht, dass ich unbedingt noch mehr Feeds brauchte. Momentan stehe ich bei 131.)

Frau Klugscheisser

Bloglesungen sind ein bisschen seltsam. Es gibt nur wenige Texte, die sich dazu eignen, vor Publikum laut vorgelesen zu werden. Blogs sind eher wie Zeitungen als wie Bücher. Man kann wohl ein Buch aus einem Blog machen, aber dann muss man Dinge verändern. Oder auch nicht. Es gibt da draußen deutsche Blogs, die sich lesen wie eine Sammlung Kurzgeschichten; z.B. Merlix. Das hat mich ziemlich nachdenklich gemacht. Ich weiß, ich tue es schon wieder. Ich sollte mein Blog umbenennen: "Ich bin Mutter, hör mich denken." Zunächst einmal bin ich etwas neidisch. All diese ambivalenten Gefühle Bloglesungen gegenüber heißen mitnichten, dass ich nicht sofort zusagen würde, bäte mich jemand teilzunehmen. In Nullkommanix hätte ich meinen meine BH-Story rausgezogen und stünde vor dem Mikro. Und sie haben alle ungefähr hundert Mal so viele Leser wie ich, oder mehr. Heutzutage fühle ich mich sogar schon komisch, wenn ich bei der Kaltmamsell kommentiere, denn dann kommen immer einige Dutzend Leute auf mein Blog. Sie bleiben allerdings nie. Ich denke, ein Blick auf meinen Blog-Kopf ist genug, um sie für immer abzuschrecken.

Also habe ich auf der Lesung über den Unterschied zwischen deutschen und amerikanischen (oder vielleicht kanadischen) Bloggern nachgedacht. Ich habe das Gefühl, viel stärker zur amerikanischen Blogosphäre zu gehören. Ich denke, das liegt an blogher und crazyhipblogmamas und natürlich mommybloggers. In Deutschland ist mir noch keine Mamablogger-Bewegung untergekommen. Und es gibt einen Unterschied, wenn ich kommentiere. Die deutschen Blogs, die ich liebe - so wie die von der Lesung - sind alle ziemlich trocken und etwas sarkastisch. Und wenn ich auf diesen Blogs kommentiere, habe ich immer das Gefühl, ich sollte jetzt ganz schlau klingen und etwas Intelligentes und auf trockene und ironische Art Lustiges schreiben. Wenn ich auf amerikanischen Blogs kommentiere, verteile ich ständig Dinge wie: "hugs", "That's great!", und "sniff". Ich mag Beides, aber mir wäre ein wenig mehr Wärme in der deutschen Blogosphäre lieber. Und nein, ich keine gute Wahl, wenn es darum geht, etwas wie blogher Deutschland oder Deutsche Mamablogger ins Leben zu rufen.

Ich möchte in Zukunft wirklich gerne weiter Bloglesungen besuchen. Es ist schön, die Leute auch zu sehen, die man jeden Tag liest. Sogar, wenn man zu schüchtern ist, um Hallo zu sagen. (Und jetzt gehe ich dann "Links angeln", weil ich vorhabe, allen zu sagen, dass ich über ihre Lesung geschrieben habe. Nachdem ich das Ganze ins Deutsche übersetzt habe. (Note to German readers: this is the translation. For the original text click here.))

(Und habt ihr eine Ahnung, wie lange es gedauert hat, dies zu schreiben? Zwei Stunden. Und ja, mir ist klar, das es zu lang ist. Tut mir leid. Aber das waren die zwei Stunden, die ich heute für meinen NaNo-Roman gebraucht hätte. (Und habt ihr eine Ahnung, wie lange es dann auch noch dauert, das Ganze zu übersetzen? Äh, nein, wahrscheinlich eher eine Stunde, weil ich die meisten Links einfach so lassen kann, wie sie sind. Und deutsche Wörter muss ich nicht nachschlagen (Meine neue Rechtschreibung ist allerdings nicht so völlig sicher.).)

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