Freitag, August 11, 2006

Offener Brief an meine Schwester

(Anmerkung: Ich habe diesen Brief auf dem Weg zur Hochzeit meiner Schwester geschrieben. Ich wusste nicht, was ich damit anfangen soll. Ich hatte ihn allerdings mit Blick auf das Blog geschrieben, deswegen war er ursprünglich auch englisch. Also, hier ist er nun, ein offener Brief an meine Schwester.)

Meine kleine Schwester heiratet also. Ich habe fast getippt: “Wer hätte das gedacht.”, aber es ist eigentlich keine sehr große Überraschung. Es hätte mich allerdings auch nicht überrascht, wenn sie und ihr Freund für den Rest ihres Lebens einfach weiter zusammen gelebt hätten. Das Einzige, das mich wirklich überrascht hätte, wäre ihre Trennung gewesen.

Über ihren Mann in spe kann ich nicht sehr viel sagen. Vor allem ist er eine Stimme am Telefon “Hallo.”, “Ja, sie ist da, ich gebe sie dir.” Die zwei Male, die ich ihn getroffen habe, fand ich ihn sehr ruhig, etwas still (schwierig, in Gegenwart meiner Familie etwas anderes zu sein), intelligent, nett und interessant.

Also ist die Einzige, über die ich tatsächlich etwas sagen kann, meine Schwester. Ich kenne sie ziemlich gut, wir haben unsere Kindheit zusammen verbracht. Sie ist übrigens meine kleine Schwester (Ich weiß, ich habe es vielleicht schon beiläufig erwähnt.) Das letzte Mal, als sie mich anrief, hinterließ sie auf dem Anrufbeantworter: “Hallo, ich bin's , deine nervige kleine Schwester.” Also ich muss sagen, sie ist nicht mehr so nervig wie früher. Das liegt auch an der Tatsache, dass wir uns schon seit Jahren kein Zimmer mehr teilen müssen. Anfang dieses Jahres hätte ich gesagt, sie macht mich immer noch verrückt, aber momentan bin ich gerade froh, dass es so war, denn wir haben uns das erste Mal im Leben gegenseitig erzählt, was wir aneinander nicht mögen. Na ja, das erste Mal seit dem Kindergarten auf jeden Fall.

Und dann muss man sich ja auch klar machen, dass meine Schwester nicht mehr sehr klein ist. Sie ist sogar ziemlich groß, ein ganzes Stück größer als ich. Und das war sie schon als ich 16 war und sie 12. Vier Jahre Altersunterschied kommen einem ja gewaltig vor, wenn man vier ist und die Schwester erst ein Baby, aber wenn mann 39 ist (fast), ist der Unterschied zu vernachlässigen.

Wir haben keine enge Beziehung. Letztes Jahr im Juni habe ich sie das erste Mal seit einem Jahr und das letzte Mal davor war mein Sohn noch ein Baby. Und wir telefonieren auch nicht oft. Jahrelang hielten wir Kontakt nur durch unseres Mutter, etwa: “Ach, und übrigens, deine Schwester zieht mit ihrem Freund zusammen.” Und dann dachte ich mir, es wäre vielleicht eine gute
Sache, ab und zu mit ihr zu reden, denn sie ist die einzige Schwester, die ich je haben werde. Und nur, weil man als Kind mit jemandem nicht das Zimmer teilen mochte, muss man das dieser Person ja nicht ewig nachtragen. (Zumal sie auch nichts dafür konnte.)

Unsere intensiven Telefonate in den letzten Monaten haben die Luft etwas aufgeklart. Und nun kann ich besser sehen, wo wir verschieden und wo wir gleich sind.

Unsere Eltern konzentrieren sich vor allem auf die Unterschiede. Sie ist die Zeichnerin und Architektin und ich bin die Musikerin. Ich bin die Rationale und sie die Emotionale. Ich die Streberin und sie die Versagerin. Ups. (Eltern, seid vorsichtig. Es gibt genug Erfolg für alle.)
(Vielleicht sollte ich hier vorsichtshalber anmerken, dass meine Schwester genauso wenig eine Versagerin ist, wie ich eine Streberin. Das ist bloß so ein Familienmythos. Und Quatsch mit Soße.)

Erst als wir beide hinaus in die Welt zogen, konnten wir erkennen, dass unsere Interessen auch gleich sind. Sie nahm Gesangsunterricht, ich belegte einen Zeichenkurs, wir lasen dieselben Bücher (obwohl es wirklich interessant ist, dass zwei Menschen, die beide Science Fiction und Fantasy-Romane (und Krimis) verschlingen mit so unterschiedlichen Bücherregalen enden können. Aber wir haben beide jede Menge davon. (Ja, Bücherregale, und Bücher natürlich.)

Wir haben ein gemeinsames Interesse an Graphic Novels, Musik, Computerspielen, Stricken, Design und esoterischen Dingen. Jedes Mal, wenn in den letzten Jahren eine von uns der anderen vorsichtig von einem neuen Interesse an Dingen wie Tarot Karten, Astrologie, Yoga oder Tai Chi erzählt hat, sagte die andere: “Oh, du auch?”

Es ist sehr merkwürdig, jemanden zu haben, der gleichzeitig so anders und so gleich ist, aber das ist wohl in allen Familien ein Grund zum Staunen. Ich bin übrigens Löwe mit Aszendent Schütze und meine Schwester Schütze mit Aszendent Löwe (und mein Sohn auch).

Also haben wir beide ein großes Ego, einen starken Sinn für Moral, reisen gerne, stehen gerne im Mittelpunkt, sind warmherzig und großzügig, neigen zu Vorurteilen, aber vergeben schnell. Und da hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf.

Der Grund, aus dem ich dies' schreibe ist, dass die Hochzeit das Ende der Adoleszenz markiert. Ja, auch heute noch. Und auch wenn man schon seit Ewigkeiten zusammenlebt, hat das nicht den gleichen Beigeschmack der Gründung einer neuen Familie. Offiziell, in unserer Kultur. Zusammenleben ist privat, eine Verbindung zwischen zwei Menschen. Die Ehe ist eine Institution. Es ist öffentlich, es hat mit dem Gesetz zu tun. Man erklärt seine Unabhängigkeit von seiner Herkunftsfamilie.

Ich glaube, Rituale machen einen Unterschied. Deswegen sollte man auch nicht wegen der Steuer heiraten. Es sollte eine seelische Angelegenheit sein. Und es ist der Zeitpunkt zu dem man wirklich erwachsen wird.

Kleine Schwester, lass mich dir sagen, auch wenn ich nie aufhören werde, dich beschützen zu wollen, du bist jetzt offiziell nicht mehr klein. Und natürlich wünsche ich dir alles Gute. Mögest du und dein zukünftiger Gatte in eurer Ehe gesegnet sein. Mögt ihr beide eure Träume leben und euren Platz in der Welt finden. Möge eure Beziehung haltbar und freudvoll sein.

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